Zum Hauptinhalt springen
Foto: iStock.com/Smileus

Die rastlose Besinnlichkeit – ein Trip durchs vorweihnachtliche Inferno

„Alle Jahre wieder…“, ein Klassiker weihnachtlichen Liedguts. Und ein Post-it, dass eines bald wieder ansteht, so sicher wie das »Amen« in der Kirche. Immer und ausnahmslos am 24. Dezember, wie jedes Jahr seit fast 1700 Jahren. Doch bevor dann am Heiligen Abend die Lichter am Baum entzündet werden, bevor alle Kinderaugen strahlen und die heimelige Idylle perfekt ist, steht noch etwas an: die Vorweihnachtszeit. Irgendwie eine rastlose Zeit. Eine Zeit rastloser Besinnlichkeit. Und wie man so hört: für Manche tatsächlich auch ein regelrechtes Inferno.

Die ersten Vorboten machen sich tatsächlich schon gegen Ende der Sommerferien bemerkbar. Wer sich für einen launigen Abend nur mit ein wenig Kaltgetränken und Grillgut eindecken möchte, der muss im Supermarkt erst einmal vorbei an den Verkaufsinseln mit Lebkuchen, Dominosteinen und Marzipankartoffeln. OK, jetzt sind sie noch frisch und neu. In vier Monate kann man sie aber nicht mehr sehen, geschweige denn noch essen.

Diese Spezereien sind die immer wiederkehrenden Omen, dass da etwas kommt. Eine Erinnerung bei jedem Einkauf, dass es bald wieder losgeht. Zwar noch nicht sofort, eine gut zweimonatige Schonfrist wird noch gewährt. Doch am Horizont zeichnet es sich bereits ab und spätestens Mitte November gibt es dann kein Entrinnen mehr. Dann ziert Weihnachtsdeko die Schaufenster vieler Geschäfte, und so langsam errichten fleißige Wichtel und Elfen die Buden für die bald öffnenden Weihnachtsmärkte. Auch musikalisch geht es dann so langsam los. In die Playlists der Radiostationen singt wieder Chris Rea, dass er an Weihnachten heimfährt, Mariah Carey sich zum Fest nur ihren Boyfriend wünscht. Und eine Gruppe schöner junger Menschen feiert Weihnachten in den Schweizer Alpen, denkt an das letzte Christfest und bewirft sich dabei mit Schneebällen. Die Rastlosigkeit steigt…

Wehmütiger Blick zurück

Dann denke ich da manchmal wehmütig zurück an meine Kindheit. Welch sorglose Zeit damals. Im Spätherbst gab es die nagelneuen Kataloge von Vedes und Seidel. Diese - schon fast heiligen Bücher - dienten mir dann als Inspiration für den Wunschzettel zum Fest, das noch in weiter Ferne lag. Erst nach St. Martin wurde es dann auch in der Schule ganz langsam (vor)weihnachtlich: dann wurden die Rollen fürs alljährliche Krippenspiel vergeben, egal, ob man wollte oder auch nicht. Und in Kunst dominierte von nun an die Herstellung von allerlei adventlichen Basteleien den Unterricht. Als Kind war diese Zeit damals noch spannend, geheimnisvoll und geprägt von großer Vorfreude, die ab dem Nikolausfest täglich größer wurde. Von Rastlosigkeit keine Spur.

Das sollte sich jedoch ändern, spätestens mit dem Eintritt ins Erwachsenalter. Denn nun überwog auch bei mir zunehmend jene rastlose Besinnlichkeit, die die letzten Wochen des Jahres so prägen. Eigentlich sollte die Advents- und Weihnachtszeit ja eine Zeit sein, sich auf das Wesentliche zu besinnen, so zumindest mein Vorsatz. Ruhe sollte wichtig sein, ebenso persönliche Einkehr und jene Werte, die diese Zeit so ausmachen sollten: Liebe, Frieden und Freude über das Kommen Gottes in unsere Welt.

Adventszeit zwischen Theorie und Wirklichkeit

Die Tage des Advents sollten eigentlich die Gelegenheit bieten, der ganzen Hektik ein wenig zu entfliehen. Und um dann wieder die kleinen Dinge des Lebens schätzen zu lernen. Soweit die Theorie.

Tatsächlich aber Advent- und Weihnachtsfeiern aller Orten und in allen Konstellationen. Dass muss natürlich vernünftig koordiniert und vorbereitet werden. Dazu noch die Besuche auf diversen Weihnachtsmärkten, inklusive schlechtem Glühwein und schlimmen Kopfschmerzen und Sodbrennen hinterher.

Ach ja: die Planungen für die kommenden Festtage nicht zu vergessen. Ohne ausführliche Einkaufs- und To Do-Liste geht da nichts.

Und wer fast die Geschenke vergessen hätte… Zum Glück gibt es heute die zahlreiche Onlinehändler, die ja bis zum 24. Dezember ausliefern. Vorbei die Zeiten, als man das noch selbst erledigen musste, als man am Tag vor Heiligabend noch schweißgebadet und mit hohem Puls aus dem Supermarkt kam. Als am Wühltisch gerade noch die Schlacht um ein vergessenes Lebensmittel oder ein Verlegenheitsgeschenk gewonnen wurde, oder auch nicht. Rastlos ja, besinnlich - sicher nicht.

Und wer glaubt, dass das im kirchlichen Dienst anders wäre, dass hier die Besinnlichkeit sozusagen zuhause ist, der irrt. Wie gesagt, eigentlich sollte diese Zeit ja ganz anders sein. Uneigentlich ist sie es aber bei Kirchens nicht. Ist diese Advents- und Weihnachtszeit doch eine absolute Hoch-Zeit, gefüllt mit Terminen, Besuchen, Adventsfeiern der verschiedensten Gruppen… Die Gottesdienste für die Feiertage wollen vorbereitet werden. Und im Hintergrund läuft der normale Betrieb weiter.

Die Suche nach Entschleunigung und Besinnlichkeit

Ich für meinen Teil suche da schon ein wenig Besinnlichkeit. Und freue mich, sie in der Rastlosigkeit auch tatsächlich zu finden, zumindest ansatzweise. Doch egal wie rastlos auch alles ist: ich weiß schon heute, wann und wo ich sie finden werde. Am Schluss der Christmette nämlich, wenn das Licht gedimmt wird und der Glanz der Weihnachtsbäume für eine ganz eigene und wunderbare Stimmung sorgt. Wenn Orgel und Musiker dann jene Melodie spielen, die genau das Gegenteil von Rastlos ist.

Das Stück, in dem von Hast und Eile keine Spur ist, das Lied, welches geradezu die Entschleunigung feiert. Genau dann, wenn alle in der Kirche gemeinsam „Stille Nacht“ singen, entdecke ich für mich jene Besinnlichkeit, die ich schon lange gesucht habe. Auch, wenn es nur wenige Minuten sind, vielleicht nur eine kurze Zeit, aber dennoch so intensiv und erfüllend.

Und so wünsche ich euch, dass ihr dieses Gefühl dann auch erleben werdet, am Ende der rastlosen Besinnlichkeit.

Stefan Knauf, Kpl.