Wie ein Konzert entsteht

Ada Countess of Lovelace prägte einen Begriff, der sich in den letzten 150 Jahren deutlich verschoben hat. Das Erstellen von Anweisungen für bestimmte Arbeitsschritte, die ein mechanisches Gerät, beispielsweise ein Webstuhl, nacheinander auszuführen hatte, nannte sie „programmieren“; ein Begriff, der bis dahin für die Planung einer kulturellen Veranstaltung stand. Denn das Programm eines Konzertes stellt im Idealfall eine fein abgestimmte Folge einzelner Musikstücke dar, dessen Erstellung nicht weniger aufwändig ist als die eigentliche Arbeit der Künstler.

Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace (1815–1852), britische Mathematikerin, Tochter des romantischen Dichters Lord Byron, gilt als Pionierin der Software-Entwicklung und erster Mensch, der zwischen der mechanischen Leistung der damaligen Maschinen und der durch Lochkarten vermittelten „geistigen“ Leistung, also der Programmierung, unterschied.

Der Veranstalter oder Organisator komponiert ein Programm, wie eine gute Köchin ihr Menü. Zwar gibt es, gerade bei „klassischen“ Konzerten, eine gewisse Konvention, die Reihenfolge Overtüre – Solistenstück – Symphonie einzuhalten. Bei Konzertveranstaltungen von Kirchengemeinden ist das jedoch eingeschränkt, denn die Verfügbarkeit von Musikern und deren Können sowie die Finanzierbarkeit geben einen starren Rahmen vor.

Jede Musikerin und jeder Musiker, der zu öffentlichen Auftritten eingeladen wird, hat ein persönliches Repertoire, das er oder sie pflegt, ausbaut, anpasst und vor allem: übt! Gute und (hoffentlich) erfolgreiche Musiker achten darauf, immer etwas Vertrautes, aber auch etwas Neues darbieten zu können.

Hieraus muss der Konzertveranstalter dann auswählen, um ein Programm seiner Vorstellung Wirklichkeit werden zu lassen. Findet er die richtigen Musiker für die Interpretation des von ihm gewünschten Programms? Eine große musikalische Messe oder ein Oratorium wird schwerlich ohne einen Chor und ein Orchester aufzuführen sein.

Der Kirchenmusiker steht dabei vor einem praktisch unlösbaren Dilemma. Er ist in der Regel verpflichtet, mit ehrenamtlichen, wenn auch engagierten Hobbymusikern aus seiner Gemeinde zu arbeiten, die nicht durch Verträge gebunden sind. Mit anderen Worten: Hat der Chor keine Lust, steht der Kantor allein da … Eine Aufführung durchgehend mit Profi-Musikern zu besetzen, würde den finanziellen Rahmen sprengen, denn kostendeckend kann kein Konzert in Kirche oder Gemeindesaal sein.

Ein professioneller Konzertveranstalter hat da ganz andere Möglichkeiten. Ein renommiertes Symphonie- Orchester (man spricht auch von einem A(+)-Orchester) hat in aller Regel eine doppelte Besetzung, so dass Krankheitsausfälle einzelner Musiker kein Problem sind. Aber auch auf dieser Ebene des „Showbusiness“ treten Schwierigkeiten auf, die gelöst werden müssen. So ist die Probenanzahl, die einem Gastdirigenten zugebilligt werden kann, häufig stark eingeschränkt, da der enge Konzertplan des Orchesters nicht mehr Zeit hergibt.

Normalerweise werden einem Gastdirigenten drei Proben mit dem Orchester angeboten. Der deutsche Bruckner- Spezialist Günter Wand sorgte 1989 für höchstes Erstaunen, als er sich für sein USA-Debüt mit dem Chicago Symphony Orchestra acht Proben erbat – und auch bekam!

Das Sponsern von kulturellen Veranstaltungen, also auch von Konzerten, hat in Deutschland eine weniger lange Tradition als in den angelsächsischen Ländern. Das mag damit zu tun haben, dass große Konzerte lange Zeit fast ausschließlich eine höfische oder kirchliche Angelegenheit waren. Erst die Emanzipation des Bürger- tums und der wachsende Wohlstand bestimmter Schichten außerhalb des Adels, vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert, brachte eine große Nachfrage nach der Aufführung der Werke der damals zeit- genössischen Komponisten, möglichst in einem angemessenen Rahmen. Heute wäre ohne Sponsoring durch engagierte Unternehmen ein Kulturbetrieb, selbst auf Gemeindeebene, nur schwer durchzuführen.

So ist das Entstehen von großen Veranstaltungssälen in dieser Zeit, wie die Viersener Festhalle (1913), das Amsterdamer Koninklijk Concertgebouw (1888), das Wiener Musikvereins- gebäude (1870) oder das (erste) Leibziger Gewandhaus (1781), Initiativen und Finanzierungen von bürgerlichen Vereinen und Zusammenschlüssen zu verdanken.

Kirchengemeinden haben als Konzertveranstalter zwei große Vorteile gegenüber anderen Organisationen. Zum einen sind ja geeignete Veranstaltungsräume vorhanden, wobei eine große, fünfschiffge Kirche wie St. Cornelius mit 600 Sitzplätzen natürlich schon schwieriger zu füllen ist als eine kleinere Kirche wie St. Peter. Da muss vorher entschieden werden, welcher Aufführungsort sinnvoll ist.

Zum anderen stellt sich die Frage der Urheberrechte und der damit fast untrennbar verbunden GEMA- Gebühren meist nicht, da die katholische Kirche mit der „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ (GEMA) einen Pauschalvertrag abgeschlossen hat.

Der aktuelle, zum 1.1.2018 in Kraft getretene Vertrag, läuft fünf Jahre und deckt Konzerte der Ernsten Musik und Gospel- gesang ab. Diese unterliegen nur einer Meldepflicht. Die katholischen Kirchengemeinden zahlen dafür aktuell eine Pauschale 65 Euro pro Jahr. Konzerte mit Unterhaltungsmusik sind an die GEMA zu melden und separat zu vergüten.

Schier unübersehbar ist die „To do“-Liste, die nach aller Vorbereitung (ein großes Konzert wird mit einer einjährigen Vorbereitungszeit geplant) noch abge- arbeitet werden muss. Kartenverkauf und -kontrolle, Raumbeleuchtung, Gelegenheit zum Einspielen für die Musiker, Plakate und Handzettel, alles dies und mehr ist zu organisieren.

Und doch ist niemand vor Pannen gefeit. Besonders beeindruckend war das Erlebnis eine Dülkener Konzertpianisten in Gotha (Thüringen). Hier war man sich in der Stadtverwaltung nicht einig, wann und wo das Konzert stattfinden solle. So druckten drei ver- schiedene Abteilungen drei verschiedene Plakate, mit drei verschiedenen Veranstaltungsdaten, -orten und -zeiten. Das aufführende Trio konnte so ganze sechs Gäste im Theatersaal begrüßen.

Auch im Konzert kommt es bekanntlich zu mehr oder weniger großen Zwischenfällen, die das Publikum zusätzlich unterhalten, erschrecken oder auch, im schlimmsten Fall, einen Konzertabbruch notwendig machen. So bietet zum Beispiel der fast zwei mal drei Meter lange Deckel eines Konzertflügels, der mit infernalischem Krach bei ersten kräftigen Akkord zu Boden rutscht, weil der Klavierstimmer nach seiner Arbeit versäumte, die Scharniere wieder zu fixieren, dem geneigten Publikum einigen Gesprächsstoff.

Doch wenn alles gut geht, das Publikum bestens unterhalten wurde und die Musiker mit ihrer Leistung zufrieden sind, ist das Ziel der Organisatoren und musikalischen Leiter erreicht. Doch nach dem Konzert ist vor dem Konzert.


Text: Claus Rycken l Fotos: Nadejda Degtyareva - stock.adobe.com; krsmanovic - stock.adobe.com