Der Blick ins Jenseits ist blind

Ein Mensch (für diese Geschichte ist es einerlei, ob Mann oder Frau) wacht in seinem Bett auf, ausgeschlafen und erfrischt. Der Badezimmer- spiegel zeigt ein perfekt gepflegtes, rasiertes und frisiertes Spiegelbild, ein angenehmer, frischer Duft umschmeichelt ihn, so dass er direkt in die bereitliegenden, schicken, aber bequemen Anziehsachen schlüpft.

Der Frühstückstisch ist aufs Feinste gedeckt, das ganze Haus blitzt und blinkt vor Sauberkeit, der Schreibtisch ist aufgeräumt und der Kalender vermerkt, bis auf Weiteres, nur den Eintrag „bezahlter Urlaub“. Ein Blick aus dem Fenster zeigt den makellosen Garten, vor dem Haus geht gerade der Postbote spazieren, denn seine Tasche ist leer und er hat nichts zu tun. Der Mensch stürzt nach draußen, hält den Postboten an und fragt: „Wo bin ich hier?“ Der Postbote antwortet: „Das hier ist – die Hölle!“

Diese kleine Humoreske zeigt einen von vielen Versuchen, sich gedankliche dem Jenseits, also dem Leben nach unserem irdischen Leben, dem Leben nach dem Tod also, zu nähern.

Wenn man sich denn damit auseinandersetzen möchte. Gibt es möglicherweise nur einen hochkomplexen Computer namens Gehirn, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren? Eingebettet in eine funktionierende Maschine namens Körper, die den Computer mit allem Notwendigen versorgt und eben auch irgendwann die Arbeit einstellt?


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Prof. Dr. Stephen W. Hawking, 1942–2018, weltweit geachteter und geehrter (Astro-)Physiker, vertrat mehrfach diese Ansicht und bezeichnete sich selbst als Atheist. Dennoch wurde er nach seinem Tod mit einem anglikanischen Gottesdienst ausgesegnet und zwischen Isaac Newton und Charles Darwin in Westminster Abbey mit christlichem Ritus beigesetzt.


Den meisten Menschen, auch mir, ist der Tod ein Rätsel. Doch schon der Begriff des Todes birgt Konfliktpotenzial. Stirbt der Mensch als Ganzes, um am Jüngsten Tag neu erschaffen zu werden? Oder stirbt der Leib, während die Seele unsterblich ist und eine ganze Reihe von Wegen beschreiten kann? Von der Wiedergeburt über die Läuterung im Fegefeuer, dem Einzug in das Himmelreich oder die ewige Verdammnis in der Hölle bis zum Verbleib auf Erden als Geisterwesen; verschiedenste Religionen und Philosophien bieten verschiedenste, manchmal auch erstaunlich ähnliche Vorschläge.

Die Göttliche Komödie, das große, letzte Werk des Florentiner Dichters und Philosophen Dante Alighieri, umfasst drei Teile, von denen vor Allem der Titel des ersten Teils, die Beschreibung der Hölle (ital. Inferno), sprichwörtlich geworden ist. Die Hölle ist im Einschlagskrater, der von Luzifers Himmelssturz gerissen wurde, fein säuberlich von oben nach unten in neun Kreise aufgeteilt, die jeweils, mit Unterabteilungen, für bestimmte Sünder und Verbrecher bestimmt sind. Aus heutiger Sicht ungewöhnlich finden wir die Bewertung der Schwere der Sünden, wodurch Mörder und Gewaltverbrecher immerhin im siebten Höllenkreis (die Strafen werden mit den zunehmenden Tiefen immer schlimmer) leiden. Der achte Kreis ist den Zwietracht Säenden, der neunte und schrecklichste Höllenkreis aber den Verrätern vorbehalten. Und während wir heute die Hölle, vermutlich bedingt durch viele sakrale Kunstwerke des späten Mittelalters und der nachfolgenden Epochen, meistens mit Flammen in Verbindung bringen, ist Dantes Luzifer in Eis eingefroren.


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Dante Alighieri, ~1265 – 1321, war geprägt von einer Zeit des Umbruchs und des Streites zwischen weltlichen und päpstlichen Herrschern; seit 1302 sogar zum Tode verurteilt und zum lebenslangen Exil aus seiner Heimatstadt gezwungen. Seine „Commedia“ war das erste große Werk in Italienisch und nimmt daher, für die italienische Sprache und Geschichte, einen ähnlichen Stellenwert ein wie die Lutherbibel 200 Jahre später in Deutschland.


Tröstlich geht es aber weiter, denn der zweite Teil der Göttlichen Komödie (geschrieben ~1308–1313) beschreibt den Weg der Seelen, die nicht der ewigen Verdammnis verfallen sind, sondern durch die Läuterung im „Fegefeuer“ (ital. Purgartorio) den Weg ins Paradies erlangen können. Auf Grund der vielfältigen, individuellen Wege, seine irdischen Fehler zu überwinden, findet Dante auch hier nur wenig tatsächliches Feuer.

Der dritte Teil (~1315–1321) erklärt den Aufbau des Himmels, also des „Paradiso“, aber nur soweit, wie es Dante gestattet wird, zu sehen.

Diese Idee, vom nicht sichtbaren Himmel, nimmt gut 600 Jahre später der deutsche Autor Erich Kästner mehrmals auf. In seinem zeitlos schönen Jugendbuch lässt er das namensgebende „Fliegende Klassenzimmer“ durch einen Fehler des Piloten, und weil das Höhenruder klemmt, im Himmel landen. Hier verwehrt Petrus den Schülern die nähere Besichtigung: „Der Himmel ist für euresgleichen ja doch nur scheinbar zu erreichen (…) Er ist für Euch verbaut mit Mauern. Ihr seht nur mich. Sonst seid Ihr blind. (…) Forscht, wo Ihr was zum Forschen findet. Das Unerforschbare lasst unergründet.“


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Dr. Erich Kästner, 1899-1974, Journalist, Lyriker, Schriftsteller und Drehbuchautor, war von den späten 1920er Jahren bis zu seinem Tod einer der bekanntesten deutschen Autoren. Insbesondere seine Kinder- und Jugendbücher sind heute noch hoch beliebt. Zitat aus: Erich Kästner „Das fliegende Klassenzimmer“, 1. Kapitel, Atrium Verlag AG 2018


Etwas anders ist Kästners Ansatz zum Jenseits im Roman-Fragment von 1936 „Der Zauberlehrling“. Der junge Kunsthistoriker Alfons Mintzlaff triff, auf einer Winterreise nach Davos, auf den Göttervater Zeus, der sich als Baron Lamotte unter die modernen Menschen mischt. Mintzlaff hadert mit dem Schicksal der Menschen, nach kurzem Erdendasein die Welt schon nach einigen Jahrzehnten Lebenszeit wieder verlassen zu müssen. Zeus, zur Unsterblichkeit verurteilt, antwortet nur lakonisch, selbst die griechischen Götter wüssten nichts vom Jenseits und opferten dem höchsten, aber unbekanntem Wesen, dessen Tempel neben den ihren auf dem Olymp stehe.

Das „katholische Model“ des Jenseits setzt eine unsterbliche Seele voraus. Diese Seele wird im Tod des Leibes vom Körper getrennt und macht sich „auf den Weg“, der einerseits von unserem Tun und Lassen auf Erden bestimmt sein kann, andererseits aber auch die Möglichkeit der „Läuterung“ offen lässt und so, auch für den Sünder, den Weg zur Seeligkeit, also zum Schauen Gottes, ermöglicht. Spricht der Papst oder der Präfekt der S. Congregatio de Causis Sanctorum einen besonderen Menschen selig oder heilig, so sind, nach unserem katholischen Glauben, genügend Beweise gefunden worden, die eine Gemeinschaft der Seele mit den anderen Seligen und Heiligen in Gottes Gegenwart zeigen.


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Der Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse oder auch ein beauftragter Bischof kann eine Seligsprechung beispielsweise am Grab des Seligen vornehmen. So wurde der im KZ Dachau kurz vor Kriegsende gestorbene Pallottiner-Pater Richard Henkes im Limburger Dom (sein Heimatbistum) von Kurt Kardinal Koch seliggesprochen.


Doch was ist mit „des Leibes Auferstehen“, von dem wir im Credo während der Heiligen Messe beten oder singen? Wir Katholiken glauben, dass mit dem Jüngsten Tag, wenn Jesus Christus wieder auf die Erde kommt, die Seelen wieder mit einem Leib vereinigt werden. Christus selbst ist ja, am dritten Tag, mit Leib und Seele auferstanden und hat, kurze Zeit später, dem „ungläubigen“ Thomas eindrucksvoll bewiesen, dass er kein Geist, sondern wieder ein Mensch geworden ist.

Wo ist denn nun die Hölle im katholischen Glauben? Die ist dort, wo der Mensch Gott verneint. Die Seele, die sich nicht für Gott interessiert, der Gott egal ist, wird Gott nicht schauen. Es braucht, nach unserem schwachen, menschlichen Verständnis, schon die bewusste Abkehr von Gott, das gewollte Sein ohne Gott, um sich dem Göttlichen ganz zu entziehen. Ob diese andere Seite in Flammen steht oder im Eis gefriert, wissen wir nicht. Denn wir wissen von Tod und Auferstehung nur das, was Jesus Christus seinen Apostel anvertraut hat. Schließlich ist er der Einzige, der aus dem Jenseits zurückgekommen ist.

So genannte „Nahtoderfahrungen“ taugen, meiner Meinung nach, leider nicht für einen Einblick in das Jenseits. Wird ein Mensch aus einem Zustand des „klinischen Todes“ heraus wiederbelebt, war er offensichtlich nicht tot im Sinne eines endgültigen Versterbens. Trotzdem wäre es möglich, dass sich Gott dem Betreffenden in diesem Moment zeigt; vielleicht als beruhigendes Gefühl, als Geborgenheit, als Schmerzfreiheit. Manche Menschen berichten von solchen Erfahrungen. Auch Sterbende, wenn sie dazu noch in der Lage sind, sprechen manchmal von solchen Gefühlen.


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Als „klinischer Tod“ bezeichnet man den Stillstand von Kreislauf und Atmung. In aller Regel führt dieser Zustand zum endgültigen Absterben des Körpers, wenn nicht umgehend durch Herzdruckmassage und schnellstmöglicher Beatmung der Kreislauf wieder künstlich in Gang gebracht wird. Rufen Sie sofort den Rettungsdienst (112)! Es geht um jede Sekunde!


Mein Onkel, ein zutiefst gläubiger Mensch, starb vor einigen Jahren im hohen Alter an einer schweren Lungenerkrankung. Im Beisein seiner Familie, mit den Sakramenten versehen, starb er schmerzfrei und mit den Worten „Das ist schön“, ein Lächeln auf seinem Gesicht. Hat er das Himmelreich geschaut? Ich glaube nicht. Aber vielleicht hat er gesehen, dass er auf dem richtigen Weg war.


Text: Claus Rycken l Fotos: crystaleyestudio - stock.adobe.com, Kalawin - stock.adobe.com, Guilu - stock.adobe.com, crisfotolux - stock.adobe.com, TanyaJoy - stock.adobe.com, Tijana - stock.adobe.com, aleciccotelli - stock.adobe.com