Die Welt der Orden – Ordensregeln und ihr Einfluss auf die Bauordnung
Überträgt man den Grundsatz „Die Struktur folgt der Strategie“ (Managementansatz von A.D. Chandler und Henry Mintzberg) auf das Klosterleben in früheren Zeiten, heißt das: Die Architektur eines Klosters folgt seiner Bestimmung. Klöster der Benediktiner unterscheiden sich räumlich von den Klöstern der Zisterzienser oder Kartäuser. Dieser Sachverhalt wird im Folgenden an einigen Beispielen in historischer Reihenfolge erläutert.
Als Ausgangspunkt für die Standardisierung von Klostergebäuden gilt die Niederschrift der sog. „Bendiktregel“ durch Benedikt von Nursia, der die Ordens- und Alltagsbedingungen eines Klosterlebens im 6. Jahrhundert schriftlich niederlegte. In den Aachener Synoden (816 – 819 n.Chr.) erlangte sie Allgemeinverbindlichkeit, d.h. sie galt fortan für alle Klöster im fränkischen Reich. Auf dieser Grundlage entstand um 825 n.Chr. der „St. Gallener Klosterplan“, der heute in der Stiftsbibliothek der ehemaligen St. Galler Benediktinerabtei sicher aufbewahrt wird, denn er weist kirchen- und kunsthistorisch einen unschätzbaren Wert auf. Da die benediktinische Ordensregel die Überschrift „bete und arbeite“ trägt, liefert der altehrwürdige Klosterplan eine übersichtliche Zusammenstellung eines Gotteshauses und einer Vielzahl von Wirtschaftsgebäuden, die von einer Mauer umgeben, nach außen abgegrenzt sind. Der lateinische Ausdruck für diesen Sachverhalt heißt „claustrum“; daraus hat sich das deutsche Wort „Kloster“ entwickelt.
Die folgende Abbildung stellt eine grobe Übersicht des St. Galler Planes dar. In der Wissenschaft besteht bis heute ein Streit darüber, ob der Plan als „Idealbild“ zu sehen ist oder zum Bau eines konkreten Klosters genutzt werden sollte.

Für die Öffentlichkeit zugänglich sind nur die Kirchengebäude, alle anderen Besucher erhalten die Erlaubnis, das Klostergelände zu betreten, an der Pforte.
In der heutigen Zeit sind nur noch wenige Relikte karolingischer Klöster erhalten, beispielsweise die Kirche und eine Torhalle der Abtei Frauenchiemsee sowie die Torhalle des Klosters Lorsch.
In der Architektur beginnt ab dem 5. Jahrhundert die Entwicklung eines Kirchenbaustils, der ab Mitte des 10. Jahrhunderts zur Reife gelangt und auf Errungenschaften des Römischen Reiches zurückgreift (daher die Bezeichnung „Romanik“, nicht mit dem Begriff „Romantik“ zu verwechseln, die eine Kunstrichtung im 19. Jahrhundert kennzeichnet). Die Grundform dieser romanischen Kirchen bildet die „Basilika“, eine große Halle, die den römischen Markthallen gleicht. Typisch für die Struktur sind das Vorhandensein eines kreuzförmigen Grundrisses mit Lang- und Querhaus sowie einer Vierung, eines quadratischen Raumteils inmitten der Kreuzung; außerdem das Vorhandensein einer Apsis (halbrunde Altarnische) an der Ostseite der Kirche. Der Vorteil dieser Bauform bestand darin, dass sie viel Platz bot. Im Gegensatz zum heidnischen Glauben, bei dem nur Priesterinnen und Priester das Allerheiligste betreten durften, betrat jede Christin und jeder Christ eine Kirche und nahm an einer Messfeier teil.
Ein Musterbeispiel romanischer Baukunst stellt das Benediktinerkloster Maria Laach (Landkreis Ahrweiler, westlich von Koblenz) dar, das auch in der heutigen Zeit zum Besuch einlädt (https://www.maria-laach.de). Es ist auf den ersten Blick verwunderlich, dass die mittelalterlichen Zeiten prachtvolle Klosteranlagen hervorbringen konnten, obwohl der weitaus größte Teil der Bevölkerung in ärmlichen Verhältnissen lebte. Das damals existierende Stifterwesen birgt die Erklärung: Vermögende Persönlichkeiten sicherten sich durch die Stiftung einer Kirche ihr Seelenheil, denn Mönchen und Nonnen beteten dort tagtäglich für sie.

Grundriss einer romanischen Kirche
Mit Bernhard von Clairvaux erlebte die klösterliche Welt im 11. Jahrhundert einen Einschnitt. Der Zisterzienser sorgte dafür, dass sich das Klosterleben, das mehr und mehr von den ursprünglichen Regeln abwich, einer Reform unterzog. Im Hinblick auf die Gestaltung der Kirchen prangerte er deren prunkvolle Verzierungen der Kapitelle (oberer Säulenabschluss) an. Das Vorhandensein von Heiligenfiguren und Malereien hinderte angeblich die Gläubigen daran, eine Beziehung zu Gott zu suchen. Der Reformator stellte im Zusammenleben der Mönche das Ideal von Askese und Armut in den Mittelpunkt. Für die Bauweise zog dies strengere Bauvorschriften nach sich, die den Verputz und die Verzierungen untersagten.
Die Baumeister mussten nun eine erhöhte Sorgfalt an den Tag legen, denn nur Steine mit makelloser Bearbeitung und Passgenauigkeit durften noch verarbeitet werden; auch die Harmonie von Proportionen und Räumen gewann an Bedeutung. Diese neu gewonnene Klarheit des Raumes wurde durch den Verzicht auf buntes Glas in den Kirchenfenstern optisch noch verstärkt. Mit anderen Worten: Die Kirchen der Zisterzienser waren ursprünglich schmucklose Orte, die ihre Nüchternheit im Laufe der Zeit jedoch wieder verloren. Mit dem Altenberger Dom (Ortsteil der Gemeinde Odenthal in der Nähe von Köln) besitzt das Rheinland ein anschauliches Exempel zisterziensischen Baustils. Weiterführende Informationen sind unter http://www.altenberger-dom.de zu finden.
Das lateinische Kreuz bildete den Grundriss einer Klosterkirche, die liturgische Notwendigkeit einer Apsis an der Ostseite sahen viele Zisterzienser- Bauherren oftmals nicht. Für private Gebete gab es an der Ostseite des Querschiffes kleine Kapellen. An der Südseite schloss sich der Kreuzgang an, die Klosteranlagen selbst sind meist rechteckig angelegt.
Abschließend sei erwähnt, dass die Klosteranlagen der Kartäuser einen besonders großen Kreuzgang aufweisen, der von den Zellen der Mönche umgeben ist. Auch hier prägt die Bestimmung des Ordens, die Betonung der Kontemplation, d.h. innere Sammlung und religiöse Betrachtung, die Baulichkeit der Klosteranlage.
Ute Hölter
