Die Heiligsprechung von Acutis und Frassati: Parallelen im Leben und Unterschiede im Verfahren
Etwa 80.000 Gläubige waren an einem Sonntag Anfang September Zeugen der Heiligsprechung zweier junger Männer, die in ihrem kurzen Erdendasein die Nächstenliebe Jesus Christus gelebt haben. Der bekanntere, jüngere ist Carlo Acutis (1991 bis 2006), den der Vatikan als ‚Influencer Gottes‘ bezeichnet, daneben Pier Giorgio Frassati (1901 bis 1925), ein angehender Bergbauingenieur. Obwohl beide jungen Männer etwa einhundert Jahre voneinander getrennt gelebt haben, verblüffen doch die Ähnlichkeiten in den Lebensläufen.
Acutis erstellte ein strukturiertes Online-Verzeichnis über eucharistische Wunder, während für Frassatis Studium der Montanwissenschaften ausschlaggebend war, dass er Christus bei den Bergleuten an ehesten nützen konnte. Folgte Acutis seinem Vorbild Franz von Assisi nach, gehörte Frassati dem tertiären Dominikanerordern an. Beide frisch nominierten Heilige kamen aus gut situierten Verhältnissen und halfen – ohne Wissen ihrer Familie – Armen und Bedürftigen. Während Acutis an Leukämie erkrankte, steckte sich Frassati mit Polio (Kinderlähmung) an; beide Krankheitsverläufe führten sehr schnell zum Tode. Beerdigt sind beide an berühmten Orten: Das Grab Acutis befindet sich in Assisi, das von Frassati in Turin.
Unterschiede gibt es in Bezug auf das Kanonisierungsverfahren (Verfahren der Selig- und Heiligsprechung): Am 10. Oktober 2020 sprach Papst Franziskus Carlo Acutis selig. Ausgangspunkt der Seligsprechung ist üblicherweise das befürwortende Meinungsbild der Mitmenschen, die in der Umgebung des Kandidaten gelebt haben. Man munkelt, dass in diesem Fall persönliche Beziehungen der Familie zu einem Mitglied der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse eine Rolle gespielt haben.
Das erste der beiden für die Heiligsprechung notwendigen Wunder vollzog sich bereits in 2010 an einem brasilianischen Jungen, der durch eine angeborene Erkrankung der Bauchspeicheldrüse immer schwächer wurde. Nachdem er 2010 eine Reliquie von Acutis berührt hatte, verschwand seine Erkrankung 2011. In 2022 erlitt eine junge Frau aus Costa Rica bei einem Fahrradunfall schwerste Verletzungen. Ihre Mutter reiste nach Assisi und hat einen Tag vor Acutis Sarg gebetet. Die medizinisch nicht erklärbare Heilung führte man auf die Fürsprache des Heiligen zurück und wurde im Mai 2024 vom Heiligen Stuhl als Wunder anerkannt.
Ganz anders verlief der Kanonisierungsprozess bei Pier Giorgio Frassati, dessen Leichnam man bei einer Exhumierung 1981 unversehrt vorgefunden hatte. Dies gilt als Beweis der Heiligkeit, so dass keine weiteren Bedingungen erfüllt werden mussten. 1990 sprach Johannes Paul II. den jungen Mann 1990 selig.
Selige und Heilige sind Personen, die in ihrem Leben das Evangelium auf besondere Weise gelebt haben; sie können um Fürsprache bei Gott angerufen werden. Mit der Kanonisierung von Acutis und Frassati erhalten vor allem junge Menschen konkrete Bezugspunkte für ihren Glauben und die Kirche die Chance, sich zu verjüngen.
Ute Hölter
