Weltgebetstag um geistliche Berufung: Die Kirche und ihr ganz besonderer „Fachkräftemangel“
Weltgebetstage erhalten alljährlich im Kirchenjahr besondere Aufmerksamkeit, beispielsweise der Weltgebetstag der Frauen am 07.März 2025. Am 4. Ostersonntag, dem ‚Sonntag des guten Hirten‘ feiert die Kirche den Weltgebetstag um geistliche Berufungen. In Deutschland steht dieser Tag unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“ - dem Motto des diesjährigen Heiligen Jahres. In seiner Botschaft zum diesjährigen 62. Weltgebetstag richtete sich Papst Franziskus (im März) insbesondere an junge Menschen, den eigenen Berufungsweg anzunehmen, ihn in Gebet und Stille zu prüfen, um als Pilger der Hoffnung ihr Leben Christus zu weihen. Er ermutigt alle in der Seelsorge Tätigen, die jungen Leute auf ihrem Berufungsweg engagiert zu unterstützen.
Für die interessierten Christen, nicht nur die jungen Menschen, stellt die Adresse www.berufung.org eine erste Informationsquelle dar. Verantwortlich ist eine Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz, das Zentrum für Berufungspastoral. Die Internetseite beschreibt unter anderem eine Reihe von Lebensformen, in der die Berufung sichtbar wird. Zu den bekannteren unter ihnen zählen u.a. Priester, Gemeinde- und Pastoralreferenten oder Küster und Kirchenmusiker; weniger bekannt sind beispielweise die sog. ‚virgo consecratas‘, die geweihten Jungfrauen. Nach außen hin üben sie einen konventionellen Beruf aus, während sie zusätzlich ein intensives geistliches Leben führen. Sie verpflichten sich zur Ehelosigkeit. Man schätzt, dass es zurzeit deutschlandweit etwa 150 geweihte Jungfrauen gibt, die teilweise untereinander Kontakt halten, während andere nur dem Bischof, der sie geweiht hat, bekannt sind. Im vergangenen Oktober hat eine Jungfrauenweihe in Köln stattgefunden.
Gemäß einer aktuellen kirchlichen Statistik der Deutschen Bischofskonferenz ist die Zahl der Neupriester rückläufig. Wurden 2014 noch 75 Männer zum Priester geweiht, waren es 2024 lediglich 29. Auch die Zahl der Priesteramtskandidaten verringerte sich von 110 im Jahr 2014 auf 47 im Jahr 2024. (vgl. Kirchliche Statistik: Deutsche Bischofskonferenz).
Denkbar wäre es, dass auch der Zölibat bzw. die Verpflichtung zur Ehelosigkeit bei den Frauen eines der entscheidenden Hindernisse ist, Bewerber für diesen Berufs- und Lebensweg gewinnen zu können. So bezweifelt der Autor Hubert Wolf in seinem Buch „Zölibat -16 Thesen“, ob die priesterliche Ehelosigkeit immer zuträglich ist. Der Zölibat gilt als Risikofaktor im Zusammenhang mit den sexuellen Missbräuchen durch Priester. Inzwischen wird die Anforderung der „kultischen Reinheit“ des Priesters, die aus der heidnischen Antike stammt, als überholt eingestuft. Darüber hinaus hat sich im Laufe der Jahrhunderte die eher negative Einstellung zur ehelichen Sexualität gewandelt. Das zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) stellt die Beziehung der Ehepartner in den Mittelpunkt, definiert sie als Begegnung mit Christus und als Vergegenständlichung des Neuen Bundes.
Johannes Paul II bekräftigte ausdrücklich diese Wertschätzung der Ehe. Somit kann die Ehe nicht mehr als Argument für den Zölibat gewertet werden. Vielmehr bildet sie die christliche Grundlage, den Dienst am Nächsten mit besonderer Anteilnahme durchzuführen.
Zu solchen potentiellen Hinderungsgründen kommt hinzu, dass die Bedeutung des Christentums in Deutschland abnimmt. Der „Religionsmonitor“, eine vom Infas Institut für angewandt Sozialwissenschaft erstellte Studie, belegt einen Rückgang des Christentums in Deutschland, wobei die evangelische Kirche weniger stark von Kirchenaustritten betroffen ist als die katholische. Insgesamt ist ein Rückzug in den privaten Bereich zu verzeichnen. Für die christlichen Kirchen bedeutet dies ein Überdenken ihrer gesellschaftlichen Rolle und eine Neuverortung in einer Gesellschaft, die im Hinblick auf die Religiosität vielfältiger wird (www.bertelsmann-stiftung.de/Religionsmonitor).
Dies unterstreicht die Einrichtung eines Weltgebetstages um geistliche Berufung, wie auch immer diese aussehen mag, und die Ernsthaftigkeit der päpstlichen Botschaft. Auf www.berufung.org sind auch Vorschläge für die private Gestaltung entsprechender Gebete zu finden.
Ute Hölter
