Pilgern ist in

„Hier übernachten auch öfter Jakobspilger“ berichtete mir Hilde Wolf von der Pension ‚Altes Pfarrhaus‘ in Bedburg-Rath im vergangenen Sommer auf meiner Radtour. Da lebte eine Reihe Erinnerungen auf an meine eigene Radwallfahrt von St.- Jean-Pied-de-Port in Frankreich nach Santiago de Compostela in Spanien: eine strapaziöse und fordernde, aber auch von anregenden Begegnungen gekennzeichnete Zeit.

Gleich die 1. Etappe über den Ibanetapass, bei der es rund 700 Höhenmeter zu überwinden galt, sprengte die Grenzen unserer eher bescheidenen Kondition. Die ausgewiesenen Pilgerherbergen, sog. Refugios, ermöglichen dem Pilger immer nur eine Übernachtung, sodass erst zwei Ruhetage auf einem nur tagsüber akzeptabel ruhigen Campingplatz die Weiterfahrt gestatteten. Eher unwissend in einem Heiligen Jahr gestartet, offenbarte sich die dahinterliegende Realität recht schnell: Gemessen an den zur Verfügung stehenden Unterkünften gab es zu viele Pilger. Die einzelnen Gemeinden reagierten meist pragmatisch und kreativ. In Turnhallen wurden Bodenmatten nebeneinandergelegt, die jeder Pilger und jede Pilgerin als Unterlage für den Schlafsack nutzen konnte. Zugegeben, es erinnerte schon an die Fernsehbilder von Toten nach Katastrophen …

Gegen Ende des Pilgerweges entpuppten sich unsere sorgfältig geführten Pilgerpässe als „Wertpapiere“, sorgten sie doch dafür, dass jede von uns in einem Kloster am Ende unserer Tagesetappe noch ein Bett bekam. Alle anderen, die ihre gepilgerten Kilometer nicht nachweisen konnten, mussten sich mit einer Matte auf dem Boden begnügen. Das traf dann die besonders „Schlauen“ unter den Fußpilgern, die an der nächstgelegenen Straße immer ihren Daumen hoben, um sich mitnehmen zu lassen ...

Das Thema Pilgern erfreut sich gegenwärtig einer wachsenden Beliebtheit. Während 2016 ca. 280.000 Menschen dem Camino de Santiago, den legendären Jakobsweg, gefolgt waren, rechnet die galizische Landesregierung im nächsten Heiligen Jahr (2021) mit etwa 465.000 Pilgern.

Bereits 1987 veröffentlichte der Europarat in Santiago de Compostela eine Deklaration über die große Bedeutung des Jakobsweges für ein geeintes Europa. Demzufolge beschloss 1999 der Kulturausschuss des Landschaftsverbandes Rheinland in Zusammenarbeit mit der Deutschen St. Jakobus Gesellschaft, die Jakobswege im Rheinland wiederzubeleben und sie gemäß dem europaweit geltenden Maßstab einheitlich zu kennzeichnen. Zudem wurden die Arbeitsergebnisse in Form von derzeit elf Wanderführern der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt; sie sind über dem Bachem Verlag Köln erhältlich.

In unserer näheren Umgebung z. B. verläuft der „Rhein-Maas-Weg“, der von den Niederlanden kommend, die Pilger über Millingen, Kranenburg, Goch, Kevelaer und Straelen wieder in die Niederlande, nach Venlo, führt.

Unabhängig davon, aus welchen Motiven Menschen heute pilgern, wieviel Zeit sie sich für den Weg nehmen, ob sie sich eher für ein heimatnahes oder heimatfernes Wegstück entscheiden - pilgern auf dem Jakobsweg bietet jedem die Chance, sich selbst und andere intensiver wahrzunehmen. Es gilt allerdings auch hier: Große wie kleine Jakobswegabschnitte beginnen mit dem ersten Schritt …

 

» HEILIGES JAHR

Immer dann, wenn der Festtag des Heiligen Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, spricht man vom Heiligen Compostelanischen Jahr. Aufgrund der Schaltjahre sind die Abstände zwischen zwei Heiligen Jahren unterschiedlich, sie folgen dem Rhythmus 6-5-6-11. Offiziell beginnt ein Heiliges Jahr mit der Öffnung der Heiligen Pforte der Kathedrale von Santiago am Silvestertag des Vorjahres durch den Erzbischof von Santiago und endet mit der Schließung derselben am 31. Dezember des Folgejahres. Bedeutung: Katholiken können nur in einem Heiligen Jahr einen vollständigen Sündenablass erhalten.

» MOTIVE, AUS DENEN MENSCHEN PILGERN

Der Soziologe Christian Kurrat von der Fernuniversität Hagen nennt in seiner Promotion „Renaissance des Pilgertums“ (2014) fünf Beweggründe:

• Bilanz ziehen in der letzten Lebensphase
• Verarbeitung eines erschütternden Ereignisses
• Setzen von neuen Prioritäten im Leben
• Gestaltung eines Lebensüberganges (Studien-oder Berufsabschluss, Auszug der Kinder)
• Initiierung eines Neustarts nach langer Leidensphase

» PILGERPASS

Jemand, der den spanischen Pilgerweg (Camino) entweder zu Fuß, zu Pferd, mit dem Rad oder einem nicht motorisierten Rollstuhl absolvieren möchte, kann einen Pilgerpass beantragen.

Sinn und Zweck:

• Sammlung der Stempel zur Dokumentation der Pilgerschaft
• Berechtigung, in Pilgerhospizen zu übernachten
• Beweis für die abgeschlossene Pilgerschaft, um die Compostela (Pilgerurkunde) im dortigen Pilgerbüro zu erhalten

Pilgerpässe sind bei der Jakobusgesellschaft in Aachen oder an typischen Startpunkten des Weges in Spanien erhältlich.

» JAKOBUSGESELLSCHAFTEN

Im Mittelalter entstanden zunächst an Jakobuskirchen Jakobusbruderschaften, um Pilgern Kost und Logis, im Einzelfall auch medizinische Hilfe zu geben; sie führten oft auch Hospize. Erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden die Jakobusgesellschaften, die es als ihre Aufgabe ansehen, die Jakobswege zu pflegen und Pilger zu versorgen. Daneben beraten sie Pilger und stellen Pilgerpässe aus. Sie betreiben Öffentlichkeitsarbeit und unterstützen die nationale und internationale Vernetzung. Die deutsche Jakobusgesellschaft hat ihren Sitz in Aachen; weitergehende Informationen liefert ihre Internetseite www.deutsche-jakobus-gesellschaft.de

 


Text: Ute Hölter l Foto: Sven Lägler - fotolia.de