Handschrift-Fragment aus dem 9. Jahrhundert

Die Pfarre St. Cornelius und Peter besitzt ein Archiv, das bedeutende Quellen beinhaltet. Im November 1993 begann dort eine Überarbeitung und umfangreiche Neuaufnahme des Bestandes, nachdem man bei Recherchen auf den Zustand des Archives aufmerksam geworden war. Dieses Archiv beinhaltet einen reichen Schatz an Urkunden, Akten, Büchern, Karten und interessanten Zeitungen.

Zu Beginn der Archivaufnahme wurden große Teile des Pfarrarchivs auf dem Dachboden des Pfarrhauses, im sogenannten "Museum" in der Kirche, im Keller des Pfarrhauses und im eigentlichen Archivraum des Pfarrbüros aufgefunden. Dabei handelte es sich um ungeordnete stark verschmutzen Papiere, die starken Umwelteinflüssen ausgesetzt war.

Darunter fanden sich wertvolle Handschriftenfragmente aus dem 15. bis 16. Jahrhundert. Wichtigster „Wiederfund“ war das 1929 von Kaplan Wilhelm Wüsten entdeckte und 1968 in seinem Buch „Beiträge zur Geschichte Dülkens und Umgebung“ beschriebene Fragment einer Handschrift aus dem 9. Jahrhundert (Foto unten links). Eine große Seltenheit, die lange Jahre in der Fachwelt als verschollen galt. Die heute fachmännisch restaurierte Pergamentseite hatte Wüsten von einem alten Rentbuch abgelöst. Die Praxis, neue Bücher für den täglichen Gebrauch in alte Pergamentblätter einzuschlagen, ist gerade für das 17. Jahrhundert häufig belegt.

Darüber hinaus enthält das Pfarrarchiv nach gleicher Praxis verwendete insgesamt 15 Pergamentfragmente aus verschiedensten Zeiten. Das von Wüsten als Codex Boll Dulcensis bezeichnete Blatt ist jedoch mit Abstand das älteste und stammt aus einer italienischen Schreibstube. Inhalt der Karolingischen Minuskel, so nennt man die Schreibweise der Buchstaben, ist eine Sammlung von Schriften zum Konzil von Karthago 416. Sie stammt aus einer kirchenrechtlichen Sammelhandschrift der Klosterbibliothek St. Vitus in Mönchengladbach und war Teil einer umfangreichen Bibliothek, die mit zeitweilig mehr als 300 Bände in Dülken lagerte.

Heute ist in der Abtei Maria Laach noch ein zweites Blatt aus dieser Handschrift erhalten, das eindeutig mit den Dülkener in Zusammenhang gebracht werden kann. Wüsten vermutete zu Recht, dass dieses wohl von einem Gladbacher Mönch in der nahe der Abtei gelegenen Ortschaft Niederweiler als Einband verwendet wurde. Die Benediktinerabtei St. Vitus Mönchengladbach unterhielt im Brohltal in unmittelbarer Nähe zu Niederweiler und Laach ein Priorat. Wüsten vermutet, der Dülkener Pfarrer Petrus Sybenius habe, als er 1635 Abt in Gladbach wurde, die aufgeschnittene Handschrift mitgenommen und sie sei von einem seiner Nachfolger nach Niederweiler gelangt. Die Pfarrer Augustinus Raves, laut einem Doktordiplom von 1779 Doktor der Dülkener Universität, und Friedrich Placopaeus tauchen beide als Prioren im Gladbacher Priorat in Buchholz im heutigen Niederweiler auf.

Welchen Weg dieser Band genau genommen hat ist heute nicht mehr eindeutig zu klären. Es ist jedoch sicher das bedeutendste Stück im Bestand des Pfarrarchivs St. Cornelius.

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 (vgl. Der Bücherbesitz des Klosters St. Vitus in Gladbach. hrsg von Raimund Kottje und Ernst Manfred Wermter; Köln – Puhlheim – Bonn; Bd. 1.1; 1998)


Text: René Franken l Fotos: Franz-Heinz Franken