Vom Weltwunder zum Urnengrab – Bestattungen im Spiegel der Zeiten

Die Auflistung der sieben Weltwunder der Antike enthält zwei Begräbnisstätten. Die bekannten Pyramiden von Gizeh, mit 4500 Jahren Alter zählen sie zu den ältesten erhaltenen Bauwerken der Welt, und eine leider durch ein Erdbeben im 12. Jahrhundert und anschließendem Steinraub heute bis auf die Grundmauern zerstörte Grabanlage in Bodrum, das Mausoleum von Halikarnasos. (1)

Nicht nur die Gräber der Herrscher vergangener Zeiten erzählen Geschichten und Geschichte. Schon aus der Jungsteinzeit, 3000 Jahre v. Chr. finden wir in vielen Teilen Deutschlands die so genannten Hünengräber. Bis ins 17. Jahrhundert wurden sie tatsächlich als sagenumwobene Riesengräber angesehen, da man sich nicht erklären konnte, mit welcher Technologie teilweise mehrere Tonnen schwere Steine in der grauen Vorzeit aufeinandergetürmt wurden.

Unabhängig von der Interpretation der leider selten unversehrten Funde als Gemeinschaftsgrab eines Familienclans, als Prunkgrab eines örtlichen Herrschers oder auch als Ossarium für eine Siedlung, geht man immer von einer wichtigen Rolle auch für die Lebenden der entsprechenden Gemeinschaft aus. Die Hügel wurden als Platz der Versammlung, vielleicht auch des Gerichts und vermutlich für andere gemeinsame Treffen genutzt. (2)

Die ehrenvolle Behandlung der sterblichen Überreste eines Menschen ist offensichtlich keine christliche Erfindung. Im alten Ägypten ergaben sich die Beerdigungsriten aus dem ganz materiellen Anspruch, den ein Mensch (auch ein verstorbener Mensch) zum Leben, eben auch zum Leben nach dem Tod, braucht. Der unversehrte (daher einbalsamierte und mumifizierte) Körper, Nahrung, Alltags- und Luxusgegenstände (bis hin zu einem gefundenen kompletten Schiff) waren nach ägyptischer Auffassung unabdingbar. Im Gegenzug war die schlimmste denkbare Strafe folgerichtig die Zerstörung des Körpers durch Zerstückelung der Leiche und Verbrennung der Überreste.

Auch das Judentum kennt den besonderen, auf Erhalt ausgerichteten Umgang mit den Toten. Aus dem Glauben heraus, dass mit der Ankunft des Messias die Toten aus ihren Gräber auferstehen, ist ein jüdisches Grab ein dauerhaftes Erdgrab und wird nicht durch eine Ruhefrist begrenzt. Wer nach Jerusalem kommt, kann auf den Hängen des Ölbergs, besonders begehrt mit der Blickrichtung zum Tempelberg, tausende Gräber bis aus biblischer Zeit bewundern. (3)

Direkt aus den sieben Werken der Barmherzigkeit leitet sich das christliche Begräbnis ab. Waren bislang Bestattung und Totenkult weitgehend Sache der Familienangehörigen, so wurden bei den Christen Begräbnis und Bestattungsfeier zu einer Aufgabe der Gemeinde: Einer aus ihrer Mitte ist aus der irdischen in die himmlische Gemeinschaft gerufen worden. Darum gibt die Gemeinde Geleit beim Begräbnis und in der Trauer. Seit den ersten christlichen Jahrhunderten werden bis heute die Grabstellen mit Namen und christlichen Erinnerungs- bzw. Auferstehungssymbolen versehen. Bald wurden die Grabstätten von Aposteln und Märtyrern zu Kult- und Wallfahrtsorten, in besonderer Weise natürlich die Stelle der Grablegung und Auferstehung Jesu in Jerusalem.

Der Wunsch, das Andenken des Verstorbenen zu ehren, seiner Seele den Weg in das ewige Leben zu bahnen, den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen oder gar vor den Qualen der Hölle zu bewahren, hat sich vom Frühchristentum bis zur Reformation immer weiter entwickelt. Ein Höhepunkt dieser Anstrengungen waren die Trauer- und Gedenkfeierlichkeiten für die erste Ehefrau des englische Königs Eduard I. ab deren Tod im Jahr 1290. Eduard ließ seiner ersten Frau reich gestaltete Steinkreuze aufstellen, über Jahre regelmäßige Gedenkmessen lesen und vieles andere mehr. (4)

Ein weiteres Anliegen wird durch die getrennte Bestattung von Körper und Herz, über 1000 Jahre lang im europäischen Hochadel üblich, erfüllt. Die getrennte Aufbewahrung des Herzens an einem anderen, oftmals weit entfernten Ort schafft einen zusätzlichen Platz des Andenkens und der Verehrung der Verstorbenen. (5)

Das Zeitalter der Aufklärung ab dem 18. Jahrhundert bringt Versuche mit sich, die Bestattung der Religion zu entziehen oder zumindest in einen rationalen Vorgang umzuwidmen. Jedoch stellte selbst der „Reformkaiser“ Josef II. schnell fest, dass es ganz ohne Pietät nicht geht. Sein Verbot des Sarges für jeden Toten zu Gunsten eines wieder verwendbaren „Gemeindesargs“ mit Falltür musste schon nach einem halben Jahr wieder aufgehoben werden. Die Proteste der Bevölkerung waren einfach zu groß. Aber der erste Schritt zu neuen Formen der Bestattung war gegangen.

Während eine schmuckvolle Ausgestaltung eines Grabes mit Grabstein, Beisetzung in einer Familiengrabstätte oder gar in einer Grabeskapelle für Jahrhunderte das Privileg von Reichen und Mächtigen war, wurde in den christlichen Gemeinden auch der „ärmste Schlucker“ nie ohne Anteilnahme, Gottesdienst und fürbittendes Gebet aus dieser Welt verabschiedet. Auch Armengräber, im Englischen heute noch „Potter´s Field“ genannt, waren anonym und ungezeichnet. Die angemessene Trauer um den Menschen, selbst wenn er unbekannt war, blieb aber präsent in den christlichen Riten und Gebeten für den Verstorbenen. (6)

Trotzdem hat der Gedanke, womöglich in der Fremde seine letzte Ruhe oder eben auch keine Ruhe zu finden, die Menschen zu vielen Zeiten umgetrieben. Schon Homer beschreibt in der Odyssee das Unglück des jungen Elpenor, der schlafend vom Dach in ein Gebüsch stürzte und jetzt im Hades keine Ruhe findet, da er nicht mit Anstand bestattet wurde. Seeleute und Fischer trugen (und tragen teilweise heute noch) goldene Ohrringe, die im Falle ihres Todes als Bezahlung für ein christliches, würdiges Begräbnis dienen sollten, wenn ihr Leichnam an fremdes Land gespült werden sollte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bilden sich in Mitteleuropa, anfangs durchaus als bewusster antikirchlicher und atheistischer Gegenpol, Krematoriumsvereine, die Feuerbestattungen einführen wollten. 1878 eröffnet das erste deutsche Krematorium in Gotha. Erst seit 1963 ist das ausdrückliche Verbot von Feuerbestattungen für Katholiken aufgehoben; die Kirche empfiehlt jedoch weiterhin ausdrücklich die Erdbestattung. (7)

Niemandem zur Last fallen wollen, keinem die Grabpflege aufbürden zu müssen, Geld sparen zu können. Das sind häufig gehörte Argumente für ein möglichst unauffälliges Verschwinden nach dem Tod. Die Regierung der DDR hat ihr Möglichstes getan, eine Friedhofs- und Bestattungskultur für den normalen Menschen zu zerschlagen. Viele Menschen ohne religiöse Lebenshaltung haben diese Sichtweise für sich aufgegriffen und den Umgang mit ihrem Tod zu einem reinen „Entsorgungsproblem“ entwertet. (8)

Gräber, Grabanlagen und Beerdigungsriten waren und sind wertvolle Quellen für Archäologen und Historiker. Es stellt sich die Frage, was von unserer Gesellschaft für zukünftige Generationen bleiben wird. Und es stellt sich die Frage, ob neue Orte der Trauer und des Erinnerns an uns lieb und wichtig gewesene Menschen entstehen, wenn es keinen Bestattungsplatz mehr gibt.

Als Gegenpol kommt gerade zunehmend eine fast vergessene Trauerkultur wieder zurück. Die Aufbahrung der Toten zu Hause für mehrere Tage mit Totenwache, Gebeten, Besuchen von Nachbarn, Verwandten und Freunden mit der sehr nahen und persönlichen Möglichkeit, sich zu verabschieden, schafft es, den verdrängten Tod wieder an seinen Platz am Ende eines jeden Lebens zurückzuholen. Niemand ist gezwungen, einen geliebten und geachteten Menschen sofort nach dessen Sterben einzusargen und abtransportieren zu lassen. Die Gegenwart des Körpers und der respektvolle und bedächtige Umgang erleichtern den Abschied und die Trauer.

Regeln zur Feuerbestattung

Dass die Feuerbestattung für Katholiken kein ganz einfaches Thema ist, zeigt ein im August 2016 veröffentlichtes Dokument des Vatikans, das dezidiert regelt, was Katholiken nach einer Feuerbestattung erlaubt ist und was nicht. Es kann bei katholisch.de unter dem Titel „Das sind die Regeln zur Feuerbestattung“ nachgelesen werden.

(1)

Als der persische Statthalter Mausolos II. 353 v. Chr. starb, hatte er sein prachtvolles Grabmal bereits in Auftrag gegeben. Fertig gestellt wurde es zwar erst unter der Regierung seiner Nachfolgerin und Witwe Artemisia, erfüllte aber trotzdem seinen offensichtlichen Zweck. Als eines der antiken sieben Weltwunder wurde es zum Gattungsbegriff für aufwändige Bestattungsbauten und hält ihn als Schöpfer des „Mausoleum“ heute in Erinnerung. Die durchaus soliden politischen Erfolge von Mausolos als Herrscher im kleinen Karien, an der Südwestküste der heutigen Türkei, hätten seinen Namen über mehr als 2000 Jahre wohl kaum bewahrt.

(2)

Ossarien oder Beinhäuser dienten der Beisetzung großer Mengen an menschlichen Gebeinen, die z.B. wegen eines zu hohen Grundwasserspiegels oder allgemeinen Platzmangels nicht begraben werden können. wie beispielsweise in den berühmten Katakomben in Paris. Hier lagern die Knochen von geschätzten 7-8 Millionen ehemaligen Bewohnern der französischen Hauptstadt.

(3)

Für manche gläubige Juden ist der Ölberg ein besonders attraktiver Bestattungsort, da der Messias über den Ölberg, also von Osten kommend, in Jerusalem einziehen wird. Das Jüngste Gericht soll er im nahe liegenden Kidrontal halten. Daher der Glaube, dass die am Ölberg bestatteten Juden zu den Ersten gehören werden, die auferstehen und sich dem Messias anschließen dürfen. An der Ostseite der Tempelberg-Mauer, die hier ein Teil der Stadtmauer um Jerusalem bildet, vom Ölberg gesehen auf der anderen Seite des Kidrontals, findet sich übrigens ein moslemischer Friedhof. Jüdische Fremdenführer berichten gerne, dass die Anlage dieses Friedhofes mit der Absicht erfolgt sei, dem Messias den Weg zum Tempelberg zu verwehren.

(4)

An jedem Halt des Leichenzuges zwischen Lincolnshire und Westminster wurde für Eleonore von Kastilien ein Kreuz aufgestellt, insgesamt zwölf Stück. Das bekannteste dieser gotischen Hochkreuze ist Charing Cross, der heute noch offizielle Mittelpunkt Londons. Die verstorbene Eleonore wurde dadurch beim englischen Volk und in der Geschichtsschreibung die erste „Königin der Herzen“, (dieser Begriff wurde tatsächlich schon damals geprägt), obwohl sie zu ihren Lebzeiten unter anderem wegen Wucherzinsen und rücksichtslosen Finanz- und Grundstücksgeschäften herzlich unbeliebt und umstritten war. Tatsächlich war sie bei ihrem Tod die bis dahin reichste Prinzgemahlin.

(5)

Otto von Habsburg, letzter Kronprinz Österreich-Ungarns und Chef des Hauses Habsburg-Lothringen, wurde 2011 wie seine Eltern, in der Kapuzinergruft in Wien bestattet, während sein vorher entnommenes Herz in der ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma ruht. Die Herzen des letzten österreichischen Kaisers Karl und seiner Frau Zita liegen in der Loretokapelle der (ehemaligen) Benediktinerabtei Muri im Schweizer Aargau.

(6)

Der Ausdruck „Potter´s Field“ ist tatsächlich biblischen Ursprungs. Er bezieht sich auf ein Gelände bei Jerusalem, auf dem ursprünglich nach Ton für Geschirr gegraben wurde. Die Hohepriester kauften für die 30 Silberlinge, die Judas voll Reue nach seinem Verrat zurückbrachte, das Gelände, um ein Armengrab daraus zu machen. (Matthäus 27, 3-8)

(7)

Die Reduzierung der sterblichen Überreste auf eine Urne macht die in den letzten Jahren neu entwickelten oder wiederentdeckten Formen der Bestattung erst möglich. Kolumbarien, Grabeskirchen, Friedwälder und auch Seebestattungen sind erst nach der Feuerbestattung des Leichnams zu nutzen.

(8)

Berliner Bestatter bieten eine Art „Kaffeefahrt“ zu billigen tschechischen Krematorien an, auf denen der interessierte Kunde preiswerte Komplettlösungen zur Entsorgung seiner sterblichen Überreste nach seinem Tod buchen kann. Inklusive Vergraben der Urne im Massengrab ohne Namen, ausdrücklich ohne Blumen, Traueranzeige, Trauerredner, Musiker und ähnliches ist das Angebot finanziell sicher attraktiv. Ein Platz zum Trauern und zur Erinnerung für Freunde und Angehörige bleibt aber nicht.

 


Text: Claus Rycken l Fotos: Colourbox.de, tunedin - Fotolia.com