Kirchen­-Renovierung: Radieren statt strei­chen

Die Pfarrkirche St. Peter in Boisheim ist gerade mit der sogenannten Radiertechnik renoviert worden. Kurz vor Fertigstellung sprach Ute Hölter mit dem Architekten, dem Boisheimer Gregor Dewey. Ein Einblick in moderne Arbeitsweisen und die Vorteile guter Pflege:

Hölter: Wieviel Radiergummis haben Sie schätzungsweise benötigt?

Dewey: (lacht) Ja, die Radiertechnik ist eine sogenannte „Wisch(ab)technik“ mit festen Radierschwämmen, die sich abarbeiten auf der rauen Putzoberfläche und dabei den Schmutz aus Ruß- und Staubpartikeln, die sich auf den Wänden absetzen, herunternehmen. Dies entsteht allmählich im Lauf der Jahre durch den Ruß von Kerzen und die Luftheizung. In den Kirchen gibt es ja keine Heizkörper sondern Luftumwälzheizungen, die die Luft in diesen großen Räumen erwärmen können. Das führt über die Jahrzehnte zu einer hohen Verschmutzung, in Boisheim ist sie deutlich zu sehen. Aber die Farbausmalung aus den 80er Jahren ist sehr gut erhalten. Sie besteht aus einer Mineralfarbe, einer Naturfarbe, die sich mit dem Putzuntergrund verkieselt und sehr haltbar ist. Diese Farbe ist unter dem Schmutz mit 70 Prozent noch sehr gut in Ordnung, so dass wir entschieden haben, Gewölbeflächen nur zu reinigen und nur da, wo stärkere Verschmutzungen auftreten, müssen wir einzelne Gewölbekappen neu streichen. Diese Situation hat ermöglicht, dass wir die Kirche nicht komplett einrüsten mussten. Diese Wisch(ab)technik muss zur Reinigung immer gemacht werden - ich kann nicht über den Ruß und Schmutz drübermalen.

Hölter: Man kann also sagen, dass die Kirchengemeinde unter finanziellen Gesichtspunkten eher „Glück“ gehabt hat, oder täuscht dieser Eindruck?

Dewey: Ja, wir haben uns die Situation im Vorfeld angesehen, Proben gemacht und festgestellt, dass man mit einer Reinigungstechnik gut zurechtkommt und ergänzend Teilanstriche vornimmt. Die Wände sind neben der Reinigung komplett gestrichen worden, und – was wichtig ist – die ganzen farbigen Architekturglieder, d.h. Säulen, Rippen, Fenstermaßwerke, auch Schlusssteine und figürliche Darstellungen, wurden nur gereinigt. Die Tatsache, dass auf die kostspielige Ausmalung gerade dieser Elemente verzichtet werden konnte, hat die ganze Sache nicht so kostspielig gemacht. Dazu kommt, dass wir kein teures Gerüst stellen mussten.

Hölter: Neben diesem eher einfachen Verfahren gibt es sicherlich auch aufwändigere Methoden.

Dewey: Oh ja, auf jeden Fall! Wir machen ja schon seit vielen Jahren Kirchenbauten. Mein Vater, Heinz Dewey, hat als sein Einstiegsprojekt in die Zusammenarbeit mit dem Bistum die Boisheimer Kirche gemacht, die ich mit meinem Büropartner Thomas Blohm-Schröder Ende der neunziger Jahre dann fortgeführt habe, neben den ganzen Neubaugeschichten. Mein erstes Projekt war die Renovierung der Kirche St. Vitus in Oedt, bei der sehr viel freigelegt wurde. Dort musste die vorhandene kunststoffhaltige Farbe aus den 60er Jahren mittels Wasserdruckverfahren entfernt werden. Dazu wurde die ganze Kirche innen ausgeklebt, als Wanne; unten standen Leute, die das Wasser wieder aufgesaugt haben. Man holte viel Wasser in die Kirche, es war ein Riesenaufwand, dadurch kommen auch gigantische Kosten zustande. Das war, Gott sei Dank, in Boisheim nicht notwendig, weil die Kirche in den 80er Jahren schon goldrichtig renoviert wurde.

Hölter: In welchen Abständen soll Ihrer Empfehlung nach eine solche Kirchenrenovierung vorgenommen werden?

Dewey: Das ist sehr unterschiedlich, jede Kirche verhält sich anders. Wir fangen jetzt im Mai an, die Kirche der Abtei Mariendonk zu restaurieren, die erst vor elf Jahren neu gestrichen worden ist – aber leider falsch, mit der falschen mineralischen Farbe und in einer geringen Schichtdicke. Jetzt ist sie schon völlig verrußt und die Gewölbeflächen haben Schimmelansatz. Aber auch die Klimaveränderungen, die wir hier haben - milde Winter, nasse Sommer und im Durchschnitt höhere Temperaturen - verändern die klimatischen Bedingungen in Kirchenräumen. Wir stellen mehr Schimmel in den Orgeln, in den Ausstattungen, in den Bänken und an den Gewölben fest. Dazu kommt, dass Kirchen seltener genutzt werden und damit, aus Kostengründen, geringer beheizt. Dadurch gibt es große Probleme. Hier versuchen die Bistümer mit den Architekten und Technikern Lösungen herbeizuführen, beispielsweise werden kleine Lüftungssysteme eingebaut, um dieses Problem in den Griff zu kriegen.

Hölter: Wie hoch ist der Anteil an Kirchenrenovierungen in Ihrem Berufsalltag?

Dewey: In unserem Büro machen wir etwa 60% Kirchenrestaurierungen oder auch Kirchenumgestaltungen, manchmal auch den Neubau eines Pfarrzentrums. Gerade haben wir eine Wegekapelle in Willich gebaut als kleiner „Gedenk-Ersatzbau“ für die aufgegebene Kirche Maria Rosenkranz. Das sind natürlich sehr schöne Projekte - überhaupt ist die Arbeit an den Kirchen eine sehr angenehme. Die Arbeit in Boisheim fällt da etwas aus dem Rahmen, weil ich nur unterstützend tätig war und das Ganze mitorganisiert habe. Ich nehme auch nicht das volle Honorar in Anspruch, weil es halt meine Heimatgemeinde ist und weil das Thema relativ leicht zu lösen war. (schmunzelt) Damit ist das Ganze für die Boisheimer auch bezahlbar…

Hölter: Wie oft kommt es in Ihrem Metier vor, dass sich bei der Arbeit unvorhergesehene Dinge einstellen?

Dewey: Das ist unterschiedlich. Wir haben in Kaldenkirchen einen Turm saniert, dort lief alles nach Plan. Ganz anders in Hinsbeck, wo wir gerade den Turm sanieren und bei der Abdeckung des Turmhelms Überraschungen erlebt haben, die finanzielle Konsequenzen nach sich zogen. So mussten wir einen Nachtrag zu den aufgestellten Kosten machen und werden auch ein paar Monate länger dort arbeiten. Grundsätzlich birgt ein Altbau mehr Gefahren als beim Neubau, dort geht es mehr um die zeitgerechte Ablieferung der einzelnen Leistungen. Allerdings ist beim Neubau die Schätzung der Kosten stabiler.

Ach ja, auch in der Boisheimer Kirche fand sich etwas Unerwartetes: Dort kamen Fragmente einer Altausmalung mit einem Spruchband etwa aus der Zeit um 1890 zum Vorschein, die wir als Fragmente innerhalb einer neuen Chorwandausmalung stehen gelassen haben.

 

 


Text: Ute Hölter l Fotos: Inderfurth